Wir vertreten die MAINung, dass Politik von der Diskussion lebt. Dieser Idee haben wir unseren Blog gewidmet. Wir sind Nikolaus Barth und Daniel Müller. Langjährig in der Jungen Union/CSU aktiv und zwischenzeitlich in verschiedenen Berufen und Orten beheimatet. Wir sind unseren Wurzeln dennoch weiterhin verbunden und mit dem steten Drang sich zu Wort zu melden. Die Themen reichen vom Untermain über München und Berlin bis nach Brüssel und darüber hinaus.

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Donnerstag, 4. September 2014

Der Scheinriese

München. Peter Scholl-Latour ist tot. Sicherlich ungewöhnlich, einen Text über Putin mit diesem Satz zu beginnen. Was PSL ahnte und voraussagte, erleben wir gerade. Russland strebt zurück zu alter Stärke und versucht, an längst vergangene Tage anzuknüpfen. Dabei führt es seinen letzten Kampf.

Wer sich mit Russland beschäftigt, wird zunächst überrascht. Überrascht sind die meisten, weil sie die Russische Föderation für viel größer und mächtiger halten als sie in Wirklichkeit ist. Kaum jemand weiß, dass es nur gut 145 Millionen Russen gibt. In der Europäischen Union leben mehr als 500 Millionen Menschen, in der Ukraine sind es 45 Millionen. Die demographische Entwicklung ist eine Katastrophe, das Land überaltert. Lediglich finanzielle Anreize der Zentralregierung haben dazu geführt, dass es kurzfristig zu einem Kinderboom kam, der bei Eintrübung der wirtschaftlichen Lage auch wieder an seinen früheren Trend anschließen kann. Japan, Europa und bald auch China stehen vor vergleichbaren Aufgaben.

Auf die Wirtschaft kommt es an. Das wissen Putin und seine Leute schon lange. Der Westen unterschätzt, das war auch Scholl-Latours Meinung, die handelnden Personen in Russland. Besser ausgebildet, sprachlich flexibel und strategisch denkend führen sie die Geschicke des Riesenreiches. Ihre politische Idee nationalistisch zu nennen ist zweifelsfrei nicht untertrieben. Sie streicheln die russische Seele, die gedemütigt wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Wer einmal in Moskau war, der wird das schnell nachvollziehen, dass der Anspruch dieser Stadt eigentlich viel zu hoch ist für das Land, welches sie repräsentiert.

Die russische Wirtschaft ist auf kein solides Fundament gebaut. Das Land ist abhängig von ausländischem Kapital und mehr noch von dem Rohstoffhunger des Westens. Europa und Russland bilden in dieser Hinsicht eine Schicksalsgemeinschaft auf Augenhöhe, daran sollte kein Zweifel bestehen. Russland liefert, was Europa braucht und umgekehrt. Doch die Abhängigkeit des einen ist rückläufig. Energiewende und technischer Fortschritt werden langfristig den westlichen Rohstoffhunger reduzieren. Der neue Exportriese USA drückt die Energiepreise zusätzlich. Russland macht, was der Altpräsident Köhler für Deutschland forderte: Es setzt knallhart wirtschaftliche Interessen, notfalls mit militärischen Mitteln, durch und sichert sich damit Absatzmärkte und Einfluss.

Das Spiel ist brandgefährlich. Ein Unentschieden in Form eines „weiter so“ ist schon ein Sieg für die Russische Föderation. Neue Absatzmärkte für Gas und Öl zu etablieren ist möglich, aber die Konditionen sind ungleich schlechter. Einfacher ist es, die Bestehenden zu erhalten. Auch darum geht es aktuell in der Ukraine. Mit 45 Millionen Einwohnern und einer Energieeffizienz, die es zu einem wichtigeren Absatzmarkt für energietragende Rohstoffe als beispielsweise Deutschland derzeit ist, macht, ist das Land ein wichtiger Kunde. Nicht auszudenken, was passiert, würde Brüssel künftig bei der Wärmedämmung in Kiew mitreden. Russland kann heute aus einer Position der Stärke handeln und seine wirtschaftliche Position festigen. Viele andere Möglichkeiten bleiben nicht. Wer sich Putins Russland nähert, erkennt, dass der Riese keiner ist. Ihn jedoch zum Zwerg abzustempeln ist gefährlich.