Wir vertreten die MAINung, dass Politik von der Diskussion lebt. Dieser Idee haben wir unseren Blog gewidmet. Wir sind Nikolaus Barth und Daniel Müller. Langjährig in der Jungen Union/CSU aktiv und zwischenzeitlich in verschiedenen Berufen und Orten beheimatet. Wir sind unseren Wurzeln dennoch weiterhin verbunden und mit dem steten Drang sich zu Wort zu melden. Die Themen reichen vom Untermain über München und Berlin bis nach Brüssel und darüber hinaus.

Viel Freude beim Lesen!
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Samstag, 4. Mai 2013

Der Konvent

München. Der Postpalast in München war heute Schauplatz eines CSU-Parteitags neuer Gattung. Was als Konvent und Party nach amerikanischen Vorbild geplant war, verlor sich jedoch in den Schlagzeilen der Woche.

Tatsächlich war die Idee nicht schlecht und besaß das Potential einer Motiviationszündung für die Anwesenden. Die Nachrichtenlage der letzten Wochen verhinderte dies. Die Stimmung war in Ordnung, doch allein die Umrahmung des Ministerpräsidenten am Ende seiner Rede zeigte ein ungewohntes Bild. Wo sonst erfolgreiche Minister mit Zukunftsperspektive, sei es aus Bund oder Land, den passenden Rahmen bieten, standen heute mit Theo Waigel und Edmund Stoiber zwei altgediente Schlachtrösser sowie das neue dreifaltige Gewissen der Partei, verkörpert durch Landtagspräsidentin, neue Fraktionsvorsitzende im Landtag und die Landesgruppenchefin im Bund, auf der Bühne. Zwar rundete die Junge Union das Bühnenbild ab, doch die Gruppe der Übersechzigjährigen prägte es. Die offensichtlich notgetrungene Verjüngung förderte lediglich der Generalsekretär durch seine dienstliche Präsenz in Seehofers Nähe.

Auch im weiten Rund fehlte die übliche Prominenz. Die Rede des Ministerpräsidenten war handfest und ohne Überraschungen, durchaus gut. Doch sie zündete nicht. Die größte Aufmerksamkeit erhielt der Parteivorsitzende als er über die Anstregungen der vergangenen Tage, die Verfehlungen und deren Folgen sprach.

Für die CSU wird es nicht einfach. Sie wird ihrem Selbstbildnis derzeit nicht gerecht und unterstützt gleichzeitig ihre größteren Kritiker mit Material. Ein wenig scheint sie aus der Zeit gefallen zu sein und sie wirkt müde. Nicht das Programm wirkt müde, alles in allem sind die Themen zwar streitbar aber sinnvoll. Müde wirken dagegen Mannschaft und Fans.

An der Mannschaftsaufstellung wird Seehofer arbeiten müssen. Das wird er tun. Daran kann nach heute Abend kein Zweifel bestehen. Gerade die fehlenden Gesichter auf der Bühne und im Auditorium müssen sich Sorgen machen. Was Bayern und Dortmund in den nächsten Tagen im Fussball vormachen werden, muss auch Grundlage der CSU sein. Die erste Mannschaft wird nur dann erfolgreich arbeiten, wenn die zweite Mannschaft im Ernstfall als Ersatz zur Verfügung steht und gleichzeitig eine ständige Herausforderung oder Alternative für die Spitzentruppe ist. Hieran fehlt es.

Was Seehofer vor fünf Jahren begonnen hat, muss er trotz nahender Wahl oder gerade deswegen umso konsequenter verfolgen. Das ist er den Bayern schuldig und gleichzeitig ist es eine Verpflichtung der CSU gerade vor dem Hintergrund der Alternativen.

Montag, 3. Januar 2011

Atatürks Erben

Istanbul. Wer der Stadt am Bosporus einen Besuch abstattet, kommt als Europäer nicht umher die Stadt unter einem politischen Blickwinkel zu betrachten. Auf den Spuren Atatürks lässt sich vieles über die Perspektiven der ganzen Türkei sagen.

Istanbul zählt zu den größten Metropolen der Welt. Sie ist mit großem Abstand die größte Stadt der Türkei und Europas. Die Geschichte ist beeindruckend. Die Stadt war in allen Zeiten ein Punkt religöser Spannungen und zugleich Mittelpunkt verschiedener Kulturen gewesen.

Istanbul entwickelte sich in den vergangenen 87 Jahren und zu einer türkischen Stadt mit westlichen Ambitionen. Stark und prägend ist der Stolz der Türken auf ihre Stadt. Es ist bemerkenswert, dass die Türkei im letzten Jahrzehnt einen fast beispielslose Aufstieg erfuhr. Vorbei sind die Zeiten in denen nur Istanbul und bestenfalls das Militär dem Anspruch des Westens genügte. Längst ist die Stadt zur Finanzmetropole einer der größten Volkswirtschaften der Welt geworden mit dem Fokus auf mehr.

Entsprechend modern ist das Bild. Bars und Restaurants die ebenso gut in London, New York oder Wien stehen könnten. Viele junge Leute prägen ein westliches Bild, dass so gar nicht zu der deutschen Vorstellung der Türkei passt. Außer der Moscheen und islamischen Heiligtümer entsteht ein Bild, das Istanbul als weltoffene, moderne und innovative Stadt präsentiert.

Doch bleibt die Frage inwiefern das Bild Istanbuls mit dem der gesamten Türkei übereinstimmt. Und was von Mustafa Kemals Erbe heute übrig ist. Gerade in Istanbul ist dieses noch überdurchschnittlich häufig zu sehen.

Die akuelle türkische Regierung unter Ministerpräsident Erdogan, der auch vier Jahre Oberbürgermeister der Stadt Istanbul war, ist vom Aufbruch und dem Weg nach Europa gekennzeichnet. Dabei ist der wirtschaftliche Aufbruch zweifelsfrei imposant. Der zweite Teil des Aufbruchs betrifft die Abwendung vom bisher dominanten kemalistischen Gedankengut eines religionsfreien und proeuropäischen Staatsgebildes. Zwar setzte Erdogan die Verhandlungen über den Beitritt seines Landes in die EU fort, doch vieles deutet auch auf eine andere Sichtweise hin.

So hat die Regierung weitreichende Verfassungsänderungen durchgesetzt, die ein Bruch mit dem Erbe Atatürks darstellen. Die Demokratisierung der Türkei für den Beitritt zur EU ermöglicht ein Zurückdrägen des Einflusses der Armee und gleichzeitig eine wenn auch derzeit unproblematische Hinwendung zur Religion. Beispielsweise wurden die Steuern für Alkohol und Tabak deutlichst erhöht, was sicher mit islamischen Vorstellungen einhergeht.

Mit Spannung ist daher die weitere Entwicklung der Türkei zu beobachten. Solange es den Türken jedes Jahr etwas besser geht, wird die Popularität der aktuellen Regierung steigen und Atatürks Erbe verblassen. Ob der kleinasiatische Staat am Ende den Beitritt zur EU wirklich sucht oder nicht doch eine Sonderrolle ausfüllt ist eine berechtigte Frage.

Wer sich dieser Frage wirklich tatsächlich stellt, wird auch weiterhin feststellen, dass die Türkei nicht Teil Europas sein kann. Auch der Weg einer priviligierten Partnerschaft ist falsch. Die Türkei ist die Brücke zwischen zwei Welten, zwischen Abend- und Morgenland. Sie ist stark genug alleine eine gute Zukunft zu gestalten. Die Brückenrolle wird für Europa von entscheidender Bedeutung sein. Umso wichtiger ist ein gutes Verhältnis nach Istanbul und Ankara und ein noch besseres Verständnis für die türkische Sache.

Freitag, 5. Februar 2010

Felix Confoederatio Helvetica

Zürich. Die Schweiz war lange Zeit eine Insel des Glücks in Europa. Doch in der jüngeren Vergangenheit haben viele Rückschläge die Eidgenossen im Mark getroffen. Grund bei einem Besuch einen genaueren Blick zu wagen.

Das neue Jahrtausend begann mit dem Zusammenbruch der Swissair. Die Finanzkrise brachte für die UBS schlechte Schlagzeilen. In der jüngeren Vergangenheit haben die Steueramnestie Italiens und eine französische Steuersünderdatei dem Bankenplatz weiter zugesetzt. Die Drohungen des ehemaligen deutschen Finanzminister Steinbrück haben ebenso zu Verstimmungen in Bern gesorgt, wie die Versuche der EU die Schweiz stärker zur Zusammenarbeit bei Steuerdelikten zu zwingen. Das Bankgeheimnis ist den Schweizern heilig und scheint für viele Grundlage des anhaltenden wirtschaftlichen Erfolges.

Der jüngste Rückschlag für die Schweiz ist der Kauf der Steuersünderdatei durch Deutschland. Doch im Gegensatz zu früher ist die eidgenössige Haltung zurückhaltend. Finanzminister Schäuble und sein Kollege aus Bern haben sich rechtzeitig ausgetauscht und beiderseitig auf Kampfrethorik verzichtet. Auch die Medien zeigen sich zurückhaltend. Natürlich begrüßt keine Zeitung aus der Schweiz den Kauf, doch lediglich die konservative "Blick" erinnert provozierend an CDU-Schwarzgeldkonten und die Verwicklung Schäubles in die damalige Spendenaffäre. Die NZZ kommentiert bereits das Umdenken von Finanzminister (Bundesrat) Merz.

Industrie und Finanzsektor fördern dieses Umdenken. Für die Industrie ist ein schneller Abschluss des Doppelbesteuerungsabkommens mit dem wichtigen Handelspartner Deutschland entscheidend. Die Banken haben erkannt, dass sie aus der Misere nur herauskommen, wenn sie aktiv gegensteuern. Dabei ist die Ausgangslange denkbar günstig. Nirgendwo sonst auf der Welt ist Fachwissen innerhalb der Verwaltung großer Vermögen so gebündelt vorhanden wie in der Schweiz, in Zürich und Genf. Das Leistung überzeugen kann zeigt nicht zuletzt die hohe Industriedichte im Hochlohnland Schweiz.

Die Schweiz bleibt eine Insel des Glücks. Eine Schweiz, die auf Zusammenarbeit und Leistung setzt, muss sich vor der Zukunft keinesfalls fürchten.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Madrid – Die Spanier leiden leise

Madrid. Die spanische Kapitale zählt aus deutscher Sicht zu den großen, unbekannten europäischen Hauptstädten. Für Städtereisen werden London, Rom, Paris oder Wien präferiert. Auch in der Politik ist Madrid nicht in der ersten Reihe zu finden. Spanien zählt weder zu den G8 noch zu den G20 (offiziell) und wird medial kaum beachtet. Aktuell ist dies anders. Sorgenvoll schrieb jüngst Die Zeit über den spanischen Defizitsünder und malte apokalyptische Szenarien für den Mittelmeerraum. Doch wie bewerten die Spanier selbst den drohenden Absturz – ein Blick nach Madrid hilft dabei.

Die Stadt im Zentrum Spaniens ist mit Abstand die größte Metropole der iberischen Halbinsel. Sie zählt über 3,1 Mio. Einwohner, mit Vorstädten rund 6,0 Millionen, Tendenz steigend. Zur Vollständigkeit sei erwähnt, dass die Infrastruktur vorbildlich, die Stadt enorm sauber und für Kunstliebhaber überaus attraktiv ist. Tausende von Cafés und Bars sind in Madrid zu finden, die den Lebensrhythmus prägen. Die Arbeitslosenstatistik weist für das gesamte Land eine Quote von über 20%, mancher neigt sogar zu der Feststellung jeder vierter Spanier sei ohne Arbeit. In Madrid ist Lage freilich etwas besser, dennoch viele klagen über niedrige Einkommen und hohe Lebenskosten. Tatsächlich übertrifft das Preisniveau die spanische Provinz und den deutschen Vergleichsmaßstab bei weitem. Preistreiber war die atemberaubende Aufholjagd der spanischen Wirtschaft seit 1995. Sie löste die Abhängigkeit vom Tourismus, brachte aber zeitgleich eine neue Abhängigkeit. Betongold sei hier das Stichwort: nicht neue Technologien, Branchen oder Unternehmen sondern der kreditfinanzierter Bauboom ist Fundament des Erfolgs – der Krise. Die Spanier sind privat verschuldet. Der enorme Konsumhunger hat diese Situation eher verschlimmert.

Doch wie läuft die Anpassung in der Krise? Rabattschlachten sind ein Beispiel. Um die Kauffreude anzureizen werden in den Wochen nach Weihnachten Rebajas (Rabatte) vergleichbar mit dem ehemaligen Winterschlussverkauf durchgeführt. In diesem Jahr fielen die Diskonte noch höher aus als üblich, um die Lager zu räumen. Cafés und Bars sind unter der Woche leer, schließen teilweise vor Mitternacht, eine für normale Verhältnisse absolut untypische Uhrzeit. Restaurants und Bars offerieren unter der Woche Kampfpreise – Cocktails zur Hälfte oder einem Drittel sind üblich – drei Gänge für 10 EUR zu haben. Selbst die amerikanischen Filialisten haben sich angepasst und bieten den Burger der Woche für 2,50 EUR.

Die Madrilenen verhalten sich unterschiedlich. Ein großer Teil zeigt sich davon unbeeindruckt und bleibt zu Hause. Selbst die nicht direkt Betroffenen sparen. Häufig wird die freie Zeit genutzt um Englisch zu lernen. Die Nachfrage nach diesen Kursen erreicht ungekannte Höhen. Auch die Bereitschaft auszuwandern ist vergleichsweiße hoch. Absicherung bietet die Familie. Es ist ein stilles Leiden und wer fragt erfährt, dass die Stadt anders ist als in den vergleichbaren Jahreszeiten der Vorperioden. Das andere Bild ist weniger schön. Unabhängig von der zweifelsfrei vor allem in der Lotterie dokumentierbaren Spielfreude der Spanier, sind in Madrid und anderorts hunderte von Glücksspielhallen zu finden, in denen inzwischen 24 Stunden Betrieb und Nachfrage herrscht. Goldhändler bieten fast aufdrängend ihre Dienste an, Gold in jeder Klasse anzukaufen.

Die Krise hat Spanien verändert – doch das leise Leiden der Spanier kann auch eine Chance sein.

Samstag, 23. Januar 2010

Sevilla und die Gretchenfrage

Sevilla. Die Hauptstadt der Autonomen Region Andalusien ist mit rund 700.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Spaniens. Wer sich der Stadt nähert muss aus einem politischen Blickwinkel zwei Fragen stellen. Die Frage nach der wirtschaftlichen Potenz ist dieser Tage überall angebracht. Darüber hinaus ist hier der ideale Punkt um Spanien die Gretchenfrage zu stellen.

Die Stadt im Süden der iberischen Halbinsel kann auf eine über zweitausendjährige Geschichte zurückblicken. Römer und Katharger siedelten hier, später im 8. Jh. n. Chr. eroberten die islamischen Mauren die Stadt und prägten sie über 500 Jahre. Ferdinand III von Kastilien, in der Stadt allgegenwärtig, eroberte Sevilla 1248, das in der Folgezeit zu einem christlichen Bollwerk ausgebaut wurde. Die Entdeckung Amerikas führte Sevilla zu neuer Blüte. Ab 18. Jh. n. Chr. endete diese Phase und küstennahe Städte wie Cadiz profitierten zunehmend durch ihre Überseehäfen.

In Spanien die Frage nach der Religöisität zu stellen klingt zu zunächst rethorisch. Selbstverständlich sind die Spanier überwiegend katholisch. Doch gerade Sevilla ist passend um einen genaueren Blick zu wagen. Die Stadt verfügt über den flächenmäßig größten Kathetralbau der Welt, der auf den Überresten einer Moschee erstellt wurde. Die tiefe Verwurzelung der Stadt im katholischen Glauben ist überall sichtbar und wird besonders in den Prozessionen der Karwoche deutlich. Sevilla bildet keine Ausnahme in Spanien, aber auch nicht die Regel. Tatsächlich sind nahezu alle Spanier katholisch, aber die strenge Auslegung ist nicht mehr weit verbreitet. Die Großstädte kennzeichnet eher eine liberale Bewegung mit Kritik an der Kirche. Konflikte zwischen der Regierung und der Kirche sind gleich an zwei Fronten dokumentierbar. Zum einen die Liberalisierung der Abtreibungsgesetze, zum anderen die Aufarbeitung der Franco-Diktatur. Spanien hat seinen Weg in die Demokratie ohne Blutvergießen beschritten, verarbeitet wurden die die Diktatur nie. Das liegt zum einen daran, dass der amtierende König von Francos Gnaden ist und zum anderen die gesellschaftliche Verpflechtung dieses fast vierzig Jahre andauernden Regimes enorme Tiefe hat. Erst seit 2007 gibt es eine offiziellen Regierungskommission, die sich mit der Aufarbeitung dieser Zeit beschäftigt. Spanien ist in vielen Punkten mit den späten Sechzigern, frühen Siebzigern in Deutschland vergleichbar. Kluge politische Entscheidungen könnten nötig sein um Spanien eine 68er-Bewegung zu ersparen. Dazu muss jeder in Spanien seinen Beitrag leisten. Die Überwindung der wirtschaftlichen Misere ist nur ein Teil der aktuellen Probleme.

Einfach ist die Überwindung der wirtschaftlichen Misere nicht. Dabei stellt sich in den Regionen und Städten abseits der Hauptstadt Madrid die Frage, ob eine vergleichbare Infrastruktur vorhanden ist. Sevilla verfügt zweifelsfrei über diese. Seit der Weltausstellung 1992 ist die Stadt durch eine Hochgeschwindigkeitstrasse direkt mit dem Zentrum von Madrid verbunden. Der historische Stadtkern ist vom Streckverlauf ausgenommen. Der Fernbahnhof liegt innenstadtnah und der Verkehr fließt in einem Tunnel ab. Sevilla ist sehr touristisch, verfügt aber über eine moderne Infrastruktur. Die Investitionen von 1992 haben das Stadtbild nachhaltig geprägt. Neben Bussen fahren moderne Straßenbahnen, eine U-Bahn-Linie geht 2010 ans Netz und verbindet den Stadtkern mit den äußeren Bezirken. Die beiden Universitäten haben in Spanien einen hervorragenden Ruf. Die ehemals von der Tabakindustrie geprägte Stadt hat sich zum spanischen Zentrum der Luftfahrtindustrie entwickelt. EADS unterhält hier ein Werk - Zulieferberiebe haben sich angesiedelt. Der internationale Flughafen gewährleistet ein direkte Anbindung nach Madrid und Barcelona und unterstützt dank der zahlreichen Billigflieger den steten Zustrom an Touristen. Trotz der nach wie vor hohen Bedeutung des Tourismus vermittelt Sevilla keinesfalls den Eindruck einer Fokussierung auf diesen. Die Stadt hat die Hausaufgaben gemacht, um die wirtschaftliche Misere zu überwinden. Sie steht damit lediglich in Konkurrenz mit vielen anderen spanischen Großstädten für die gleiches gilt!

Samstag, 16. Januar 2010

Zugfahrten (1)

Sevilla. Die Deutsche Bahn kommt von ihrem schlechten Image nicht weg, dabei ist sie meist besser als ihr Ruf. Ein Blick über die eigene Grenzen lohnt dennoch. Gerade Franzosen und Japaner rühmen sich mit ihren Hochgeschwindigkeitsnetzen ein effizientes, umweltfreundliches und wirtschaftliches Verkehrsmittel zu besitzen. Unlängst machte der deutsche Verkehrsminister mit der Ankündigung Schlagzeilen verstärkt in das Bahnnetz investieren zu wollen. Spanien hat seit 2008 ziemlich unbemerkt den ersten Platz der Hochgeschwindigkeitsnetze gemäß verfügbarer Bahnkilometer inne. Grund genug einen Vergleich zu ziehen.

Unter großer medialer Begleitung eröffnete die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt und Köln. Diese war gleichwohl nicht die erste, jedoch die beeindruckenste und aufgrund der neuen Züge auch die bis dato schnellste Städteverbindung in Deutschland. In Spanien wurde 1992 die erste Hochgeschwindgkeitsstrecke von Madrid nach Sevilla anlässlich der dortigen Weltausstellung eröffnet. Zwischenzeitlich sind viele weitere Städte angebunden und die Kilometerzahl wurde auf 2.230 km ausgeweitet. Der AVE (Alta Velocidad Espanola) erreicht Geschwindigkeit von 300 km/h und verwendet unterschiedliches Zugmaterial, beispielsweise Züge der Baureihe ICE3. Geradezu weitsichtig war die Entscheidung der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe die europäische Normalspur zu verwenden und nicht die klassische, iberische Spurbereite. Damit ist die Integration in das europäische Netz machbar, was die Spanier 1992 ohne europäischen Liberalisierungsdruck bereits ermöglichten.

Durch die unterschiedliche Spurbreite ist eine Intergartion in das übrige Streckennetz nicht möglich. Alle Strecken müssen daher neu gebaut werden. Die Trennung von AVE, also Fernverkehr, und dem Regionalverkehr wird überall deutlich. Die Regionalverkehre der unterschiedlichen Regionen sind Zubringer, alles ordnet sich dem AVE unter. Madrid ist Dreh- und Angelpunkt des Netzes. Durch die strategisch günstige Lage im Zentrum des Landes fahren alle Züge von und nach Madrid. Die Preise sind etwas günstiger als innerhalb des Netzes der Deutschen Bahn. Die Flexibilität ist eingeschränkt. Das Ticket beinhaltet eine Reservierung und Zugbindung. Die Abfertigung ist mit einem Flughafenterminal vergleichbar. Das Boarding beginnt mit dem Röntgen der Koffer, was sicherlich auch den Anschlägen von 2004 geschuldet ist. Anschließend werden die Gleise etwa 30 Minuten vor Abfahrt freigegeben. Die Tickets werden vor dem Gleis kontrolliert und elektronisch eingelesen. 3 Minuten vor Abfahrt des Zuges schließen die "Gates" offiziell, die Züge fahren pünktlich ab. Die Zugbegleiter (etwa von der Anzahl her die Hälfte des deutschen Zugpersonals) sind für das Wohl der Passagiere zuständig, die Fahrkartenkontrolle zählt nicht zu ihren Aufgaben. Das Bordprogramm reicht von 6 Musikkanälen bis zu einem zweisprachigen Filmprogramm. Die Kopfhörer dafür werden verschenkt. Das Bordbistro unterhält die typischen spanischen Kleinigkeiten. Der Komfort an Bord ist generell durch breitere Sitzreihen und dem Unterhaltungsprogramm (in jeder Klasse) etwas höher im Vergleich zu dem deutschen Maßstab. Die Pünktlichkeit ist enorm, meist kommt der AVE etwas früher an, was aber den ungenauen spanischen Zeitangaben geschuldet ist. Die Spanier kennen die Uhr nur im Fünf-Minuten-Takt.

Das spanische Hochgeweschindigkeitsnetz ist beeindruckend effizient und erfolgreich. Nach Eröffnung der Neubaustrecke nach Barcelona reduzierten die spanischen Fluggesellschaften, allen voran IBERIA, die täglichen Verbindungen zwischen Madrid und Barcelona deutlich. Es wird spannend welche Folgen der Anschluss an das französische Netz haben wird. Für Deutschland dient der AVE nur bedingt als Vorbild. Die starke Integration des ICEs in das Netz, die Unabhängkeit des Reisens in Deutschland (keine Zugbindung) und die gewachsene Struktur macht eine stärkere Orientierung am spanischen Muster nicht möglich. Dabei können kleine Verbesserungen, wie eine generelle Reservierung oder ein vergleichbares Unterhaltungsprogramm, weiterhelfen. Eine deutliche Ausweitung des ICE-Sprinter-Angebots als eigenständige Marke im Konzern der Deutschen Bahn ist auch unter Einbeziehung genannter Merkmale des spanischen Netzes und vor dem Hintergrund eines transeuropäischen Angebots überlegenswert.

Freitag, 15. Januar 2010

Madrid - eine nichteuropäische Perspektive

Madrid. Die spanische Kapitale ist nicht irgendeine europäische Großstadt. Sie ist für viele auch ein Brückenkopf nach Europa. Spanier, Latinos, Afrikaner und andere leben hier zusammen und bereichern die kommunale Vielfalt. Doch wie gut sind sie wirklich in das Alltagsleben intergriert. Ein Spaziergang durch zwei Viertel der Hauptstadt bietet eine nichteuropäische Perspektive.

Um einen der beiden Hauptbahnhöfe Madrids, mit Namen Atocha, finden sich drei Viertel in denen Marokkaner, Afrikaner und Latinos leben. Im alltäglichen Leben fallen keine der beiden zu erst genannten Gruppen wirklich auf, lediglich die Latinos prägen das Erscheinungsbild an unterschiedlichen Stellen mit. Vorweg sei der erste Eindruck geschickt, dass Madrid eine extrem liberale, weltoffene und tolarente Stadt ist. Wer einen zweiten Blick wagt, wird diese Meinung behalten und nur geringfügig einschränken. Generell hält sich die Gegenliebe der Spanier, aktuell unter dem Joch der dramatischen Wirtschaftskrise leidend, in Grenzen. Gutbezahlte Arbeit fehlt und so fällt Idee zuviele Immigranten seien in Spanien auf fruchtbaren Boden. Wichtig ist dabei zu wissen, dass wer hier das Licht der Welt erblickt automatisch Spanier ist.

In der Peripherie der Metrostation und des gleichnamigen Platz Lavapiés findet sich das afrikanische/marokkanische Viertel. Während der eigentliche marokkanische Bezirk einen orientalischen Charakter und Charme vorweißt, ist dieses Viertel von Orientierungslosigkeit geprägt. Auffällig viele Menschen stehen in den Straßen und Plätzen scheinbar taten- und arbeitslos herum. Ein Sprachengewirr ist zu vernehmen, wobei französisch als einzige Sprache klar erkennbar ist. Wie Madrid im Ganzen, sind auch diese Plätze sehr sauber. Konjunktur und Arbeit scheinen in diesem Viertel nur Chinesen zu haben. Während sich in Paris um den Bahnhof Paris Est ein afrikanisches Geschäft oder Café an das andere reiht, kann hier vergleichbares nicht festgestellt werden. In Madrid sind es chinesische Billigläden. Cafés sind Mangelware, was sicherlich auch an dem generellen Preisniveau der Hauptstadt liegt. Die gefühlte Stimmung ist negativ. Die nichteuropäische Perspektive ist hier perspektivlos.

Wenige Strassenzüge weiter, um die Metrostation La Latina herum, erstrecken sich die Wohnungen vieler Latinos. Die stärkste Zuwanderug findet derzeit aus Ecuador und Venezuela statt. Insgesamt wirkt das Viertel freundlicher. Cafés und Läden verraten durch Verwendung südamerikanischer Begriffe ihre Herkunft. Es gibt
ein lateinamerikanisches Theater. Chinesische Billigläden sind kaum zu finden, die Wirtschaftskrise jedoch schon. Viele Geschäfte sind geschlossen. Trotz allem wirkt die Perspektive freundlich, weniger pessimistisch.

Für beide Gruppen hat Europa nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Sicherheit und der Ausblick auf einen bescheidenen Wohlstand richten die Kompassnadeln klar aus. Sauberes Trinkwasser, sichere Straßen, Nahverkehr und Nahrung sind für Europäer eine Selbstverständlichkeit, für Latinos und Afrikaner sind sie es nicht. Die nichteuropäische Perspektive ist stets Europa=Hoffnung. Für Europa ist dies eine große Chance. Die demographische Entwicklung ist ein Damoklesschwert. Europa kann dieses Problem zwar auch nicht durch Zuwanderung lösen, jedoch lindern. Gerade die Latinos Spaniens zeigen, dass die Überwindung der Sprachbarriere entscheidend ist. Die Überwindung dieser Barriere schneit dabei nur möglich, wenn die nichteuropäische Perspektive sich weiterentwickelt - sonst wird sie perspektivlos. Die Auswanderungswellen aus dem Armenhaus Europa in die neue Welt im letzten Jahrhundert hatten damals nicht Sicherheit und Wohlstand als Perspektive, sondern den amerikanischen Traum "The American Dream". Das europäische Gegenstück wartet noch darauf geträumt zu werden.