Wir vertreten die MAINung, dass Politik von der Diskussion lebt. Dieser Idee haben wir unseren Blog gewidmet. Wir sind Nikolaus Barth und Daniel Müller. Langjährig in der Jungen Union/CSU aktiv und zwischenzeitlich in verschiedenen Berufen und Orten beheimatet. Wir sind unseren Wurzeln dennoch weiterhin verbunden und mit dem steten Drang sich zu Wort zu melden. Die Themen reichen vom Untermain über München und Berlin bis nach Brüssel und darüber hinaus.

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Montag, 18. Juli 2016

Der Verschwörungspraktiker



Erlenbach. Ein Putschversuch in der Türkei – die Meldung donnerte in meine gemütliche Freitagabendrunde. Ausgerechnet freitags: Was für Christen den Sonntag ausmacht, vollziehen auch viele nicht strenggläubige Moslems an diesem Wochentag. Es ist der Tag der Zusammenkunft, der Einkehr, des gemeinsamen Gebets und oftmals auch des gemeinschaftlichen Abendessens. An diesem Freitag vollzog sich in Istanbul, Ankara und andernorts in der Türkei ein anderes Schauspiel: Eine Tragödie in menschlicher Hinsicht und sicher ein Drama für die politische Entwicklung des Landes, der Region und für die internationalen Beziehungen.


Ist der Vergleich mit einem Schauspiel angemessen, wenn dabei so viele Menschen starben? Hätten sich nicht die, für so viele Menschen todbringenden, blutigen oder bitteren, Konsequenzen eingestellt, dann sicherlich ja. Dann hätte sich mir sogar der Vergleich mit einer Farce aufgedrängt. Für die meisten Beobachter der türkischen Innenpolitik kam der Putsch völlig überraschend. Der Zeitpunkt war unwahrscheinlich, die Entwicklungen rasend schnell und das Tempo steigerte sich im Verlauf des Abends und der Nacht stetig bis zum Knall – oder besser dem Zerfall. Nur wenige wussten hinterher, dass das so vorhersehbar war.


Das in den Abendstunden mutmaßlich weitestgehend leere Parlament in Ankara wurde beschossen, versucht wichtige Fernsehstationen zu kapern und die so symbolträchtig wie verkehrssystemisch wichtigen Bosporus-Brücken in Istanbul abgeriegelt. Der türkische Präsident weilte zunächst noch in Freizeit fernab der Hotspots und noch in der gleichen Nacht war der im amerikanischen Exil lebende Fethullah Gülen als mutmaßlicher Strippenzieher ausgemacht. Am nächsten Morgen meldete die Regierung: Aufstand niedergeschlagen, Situation wieder völlig unter Kontrolle. Angelegenheit erledigt?


Mich hat der Putschversuch überrascht. Nach der Überraschung stellten sich für mich viele Fragen: Was motivierte die Putschisten? Haben sie mit der freitagnächtlichen Aktion bereits ihr gesamtes Pulver verschossen? Was sagt es über die politische und gesellschaftliche Situation eines Landes, wenn Teile des Militärs sich mit Waffengewalt auflehnen? Mehr als der versuchte Coup verwunderte mich jedoch Erdogans schnelle und nicht minder martialische Abrechnung. Kann ich zwar aus seiner Sicht noch Verhaftungen innerhalb des Militärs nachvollziehen, verstehe ich umso weniger, warum zeitgleich tausende Richter abberufen werden?

Es ist die Macht des perfekten Zeitpunkts. Erdogan kündigt als Konsequenz Säuberungen an. Wer säubert, will Schmutz beseitigen. Oder das, was aus seiner Sicht die gute Ordnung stört. Der Präsident nutzt die Gunst der Stunde. Das Momentum gewährt ihm breiten Rückhalt in weiten Teilen der Bevölkerung. Es soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Türkei tief gespalten ist. Es gibt ganz offensichtlich Gegner, die zum Äußerten bereit sind. Es ist müßig zu spekulieren, ob nicht doch Erdogan – oder besser das System Erdogan – selbst hinter dem versuchten Staatsstreich steht. Ganz gleich, unter dem Strich gibt es einen großen Gewinner der Stunde: Recep Tayyip Erdogan.


Für uns als Deutsche und Europäer muss umso dringlicher geklärt werden: Wie gehen wir weiter mit der erdogan‘schen Türkei um? Denn aus der Gunst der Stunde wurde die Macht des Faktischen. Wie kann es sein, dass wir ein Pulverfass solch gigantischen Ausmaßes bisher nicht auf dem Schirm hatten? Spannend zu wissen wäre es, wie sich das Auswärtige Amt und auch der Bundesnachrichtendienst erklären, dass die Bundeskanzlerin oder die Ressortverantwortlichen aus dem Dunstkreis des Bundessicherheitsrates auch drei Tage später noch kalt erwischt wirken?


Es ist zunächst zweitrangig, dass wir als deutsche Demokraten unisono erklären, dass die mit Waffengewalt erzwungenen, umstürzlerischen Vorgänge in der Türkei also solche grundlegend abzulehnen sind. Wichtiger ist es, jetzt die richtigen politischen Bewertungen für uns und unser Verhältnis zur Türkei heraus zu arbeiten. Allen, die sich über unsere eigene Rechtssetzung allzu gerne beschweren sei gesagt, dass das Grundgesetz in Artikel 103 ein Rückwirkungsverbot vorsieht. An ein #byebye103 und die Wiedereinführung der Todesstrafe für Taten in der Vergangenheit ist bei uns jedenfalls glücklicherweise nicht zu denken. In Erdogans Stunde des Triumpfes wird sich nun zeigen, wie er mit den geschlagenen Gegnern umgehen wird. Die Anzeichen stehen allerdings auf Blutrache.


Es würde dem Erdogan-Gedicht von Jan Böhmermann und der Diskussion darum deutlich zu viel Bedeutung beimessen, wenn man daraus bereits eine Vorhersage für die Geschehnisse in der Türkei am vergangenen Freitag auf Samstag ableiten würde. Aber mindestens ein Vorsichtszeichen hätte es darstellen können. Seinem Geltungsbedürfnis sollten die Vorfälle nicht abträglich gewesen sein. Die zunehmend harte Hand im Inneren wird europäische Vorstellungen von Demokratie auf eine harte Probe stellen. Im Außenverhältnis wird das Kirschenessen mit Erdogan zukünftig wohl nicht einfacher.


Die Bosporus-Brücken verbinden den europäischen mit dem asiatisch-arabischen Kontinent. Die Zeit wird zeigen, ob sich Blockaden jetzt in den Köpfen noch weiter festsetzen. Angesichts der Umstände erscheint das allerdings so. Die Bilder des Coups zeigten fast ausschließlich junge Soldaten – insofern sie überlebt haben, werden sie mit drakonischen Strafen und Repressionen zu rechnen haben. Zu hoffen bleibt, dass die künftigen Generationen besser in der Lage sein werden, in den Wettbewerb politischer Konzepte zu treten.