Erlenbach. Er steht am Fenster. Draußen scheint die Sonne
nur schwach auf das Fachwerkhaus im Hintergrund. Es ist trübes Novemberwetter,
das den Tag prägt. Irgendwie bedrückend, ganz so als braue sich ein Herbststurm
zusammen. In keinem Drehbuch hätte das Set-up des NDR-Interviews besser
vorgesehen sein können. Spiegelt es doch die teils unwirtliche Stimmung wider,
die den Protagonisten umgibt. Es ist Oliver Junk, der sich vor der Kamera
erklärt. Der Goslarer Oberbürgermeister dachte einige Tage zuvor laut über eine
Idee. Sie rief ein überregionales Medienecho, und vor allem auch eine
kontroverse Diskussion in der Bevölkerung der niedersächsischen
50.000-Einwohner-Stadt hervor. Seitdem fegt ein herbstlicher Shitstorm über ihn
und seine facebook-Seite hinweg. „Querdenken“ nennt er den Auslöser. Und dies tut er couragiert, wie ich meine.
Denn Oliver Junk spricht beherzt an, was viele andere nur
bemitleidend oder gar argwöhnisch kommentieren: die Unterbringung von
Flüchtlingen und vor allem deren Integration in unsere Gesellschaft. Er
begreift, dass die demographische Entwicklung auch vor seiner Kommune keinen
Halt macht. Dass die Wirtschaft nur dort wächst, wo sich Arbeitskräfte
finden und Absatzmärkte entwickeln lassen. Junk schlägt vor, aus der Situation
eine Chance für alle werden zu lassen. Er will Flüchtenden mehr bieten als nur
kurzfristiges Asyl: Eine Aussicht auf eine neue Heimat. Und denen, die bereits schon hier leben, die Perspektive auf positive Impulse für Wirtschaft und Gesellschaft.
Oliver Junk, der 2011 sogar noch mit CSU-Parteibuch Goslarer Oberbürgermeister wurde, lädt seine Bürger zur Diskussion seines Vorschlags ein. Erschreckend ist, was ihm das in den sozialen Netzwerken einbrockt. Von Schmähkommentaren zu seiner Person bis hin zu offenen rassistischen Äußerungen ist alles dabei. Beim Lesen scheint es, als hielten einige Kommentatoren den § 130 des Strafgesetzbuches für nicht existent. Bei braunem Gedankengut handelt es sich eben um Scheiße. Eine ganz neue Konnotation für einen Shitstorm. Dabei gibt es an Junks Vorstoß nichts zu mäkeln. Er hat ein Konzept samt Finanzierungsvorschlag. Er betont, dass er es diskutieren möchte und stellt keinen vor vollendete Tatsachen. Er möchte etwas für Menschen tun, die heimatlos geworden sind. Und seinen Bürgern aufzeigen, wie auch sie profitieren könnten, wenn Flüchtlingen mehr geholfen würde. Ein Großteil derer wird sich später dankbar zeigen und mit anpacken in einem Land, das sie aufgenommen hat und versucht, sie nach besten Kräften zu integrieren. Es ist schon oft genug gelungen und es gibt viele Erfolgsgeschichten zu erzählen. Keiner will im Gegenzug den Asyl-Missbrauch entkriminalisieren. Straftaten, so sie denn auftreten, sind konsequent zu verfolgen. Dem schwarzen Oberbürgermeister bin ich für seine offen ausgesprochene Erkenntnis dankbar, dass auch viele Chancen und nicht nur Risiken in der aktuellen Flüchtlingssituation stecken. Oliver Junk denkt mutig quer und diskutiert, statt mit den Händen in der Tasche das Problem zu bestaunen. Mehr davon, bitte!