Wir vertreten die MAINung, dass Politik von der Diskussion lebt. Dieser Idee haben wir unseren Blog gewidmet. Wir sind Nikolaus Barth und Daniel Müller. Langjährig in der Jungen Union/CSU aktiv und zwischenzeitlich in verschiedenen Berufen und Orten beheimatet. Wir sind unseren Wurzeln dennoch weiterhin verbunden und mit dem steten Drang sich zu Wort zu melden. Die Themen reichen vom Untermain über München und Berlin bis nach Brüssel und darüber hinaus.

Viel Freude beim Lesen!

Mittwoch, 22. April 2015

Churfrankens neuer Feldherr


Miltenberg. Letztes Jahr feierte Unterfranken ein großes Jubiläum: Seit 200 Jahren gehört der Regierungsbezirk zu Bayern. Damals zwar noch unter anderem Namen, aber in den Außengrenzen so gut wie identisch mit dem heutigen Gebiet. Das Ende der napoleonischen Herrschaft war gerade eingeläutet, als auch der Bayerische Untermain, in einer Art französisch-hegemonialen Konkursmasse, an die Wittelsbacher ging. Es handelte sich um einen weichenstellenden Geschichtsmoment, denn von da ab wurde die Region von München aus regiert und der sprichwörtlich weiß-blaue Himmel dehnte sich bis nach Aschaffenburg aus.

Die Jahrhunderte zuvor stand diese Gegend unter ganz anderem Machteinfluss: Denn die Mainzer Erzbischöfe, in Personalunion als Kurfürsten auch mit weltlicher Herrschaftsgewalt ausgestattet, bestimmten über die Geschicke der Menschen am Untermain hinauf bis nach Miltenberg. Geblieben sind von der Kurmainzer Regentschaft noch heute Zeugnisse wie das stadtbildprägende Aschaffenburger Schloss Johannisburg, welches den Erzbischöfen als Zweitsitz im so genannten Vizedomamt diente oder die, die Alltagssprache dominierende, rheinfränkische Mundart. Historische und regional verbindende Elemente wurden 1977, wenige Jahre nach der Bayerischen Gebietsreform, auch in das Wappen des neu strukturierten Landkreises Miltenberg aufgenommen: Das Mainzer Rad, der fränkische Rechen, die bayerische Raute und ein Wellenpfahl als Symbol des von Süden nach Norden fließenden Mains. Jahrzehnte später schickten sich Tourismusförderer und Marketingexperten an, die historischen Verbindungen stärker zu betonen und kreierten den werbewirksameren Kunstbegriff Churfranken für die Maintalregion in und um Kreis und Stadt Miltenberg. 

Auf die Kurmainzer Wurzeln besinnen sich in diesen Tagen nicht nur die Unterstützer der hiesigen Tourismusinitiative, sondern auch in der Politik spielen diese wieder eine stark zunehmende Rolle. Allerdings ist dabei nicht die Heimatgeschichte als solche von Interesse. Es geht vielmehr um Zukunftsfragen und – wie könnte es anders sein – um Geld. Aber der Reihe nach. Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann lud am vergangenen Freitag zum Tag der Metropolregion ein, um die „Kurmainzer Achse“, wie er es nennt, wieder zu beleben. Beim Anblick des rot-weißen Mainzer Doppelradwappens, das sogar seinen Amtsstuhl im Frankfurter Römer ziert, könnte dem Sozialdemokrat der Gedanke dazu gekommen sein, seinen politischen Wirkungskreis zu erweitern.

Der Frankfurter Feldmann traf sich in der Woche zuvor mit den Oberbürgermeistern von Mainz und Aschaffenburg. Die illustre Truppe tourte gemeinsam durch die drei Städte. Der Presse war zu entnehmen, dass er mit seinen rheinland-pfälzischen und bayerischen Amtskollegen, beide ebenfalls Sozialdemokraten, vornehmlich Fragen zum gemeinsamen Standortmarketing der Wirtschaftsregion Rhein-Main besprechen wollte. Anzunehmen ist aber auch, dass Feldmann sein Projekt vertieft erörterte, welches er am Freitag dann in der symbolträchtigen Frankfurter Paulskirche einer breiten Öffentlichkeit vorstellte: Ein Staatsvertrag zur Stärkung der Metropolregion Rhein-Main zwischen Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz. Zum genauen Inhalt bleibt er aber vage und beließ es zunächst bei dem strategischen Ansinnen, bundesländerübergreifend „gemeinsame Verantwortungen“ in verschiedenen Lebensbereichen wie Wohnen, Verkehr, Wirtschaft, Energie, Tourismus, Kultur oder demographischem Wandel festzuschreiben. Warum das besonders wichtig ist, aber genauso besonders oft nicht funktioniert, wurde schon an anderer Stelle dieses Blogs erörtert. (Schierstein.)

Zu viel Detail verschreckt offenbar das scheue Wild der überparteilichen Eintracht. Denn Feldmann will das bisher auf breiter politischer Basis unterstützte Ansinnen erst 2016 nach den hessischen Kommunalwahlen diskutieren. Wohl auch um zu sehen, wie dann die Mehrheiten im Frankfurter Römer ausschauen. Bisher haben hier die Fraktionen von schwarz und grün das Sagen und es kommt nur allzu oft zum Zwist mit dem Rathauschef. Beispielsweise sprach der Magistrat dem Stadtoberhaupt zum ersten Mal in deren Geschichte im Jahr 2013 eine Missbilligung aus. Innerhalb der eigenen Partei ist die Stimmung besser. Hier hat er viele Freunde, denn die Oberbürgermeister von Mainz, Wiesbaden, Offenbach, Hanau, Gießen und Aschaffenburg haben zwei Dinge gemeinsam: Sie führen die wirtschaftlich bedeutendsten und bevölkerungsreichsten Kommunen des Rhein-Main-Gebiets und haben zudem das gleiche Parteibuch. Nämlich das der SPD.

Bleiben bei der hessischen Kommunalwahl die bisherigen Machtverhältnisse bestehen, wird es spannend zu beobachten, wie Feldmann sein Projekt weiter treiben wird. Insbesondere wann er gedenkt, die schwarz-grüne Landesregierung mit ins Boot zu holen. Denn ein Staatsvertrag ohne deren Mitwirkung ist ausgeschlossen. Ob er hier noch einen Regierungswechsel abwartet, ist stark fraglich. Feldmann will den Erfolg aber auf sein Konto verbuchen lassen. Teilen kommt da kaum in Frage. Die Basis von CDU und Grünen steht indes einer Stärkung der Metropolregion positiv gegenüber. Insbesondere, wenn dies bedeutet, dass zusätzliches Geld in die notorisch klammen Kommunalkassen fließt. Feldmann hat dazu auch schon zwei potentielle Geldquellen ausgemacht: Die EU sowie die beiden Nachbarbundesländer, hier vor allem an das finanzstarke Bayern.

Zum „Tag der Metropolregion“ lud sich Feldmann den Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), in die Frankfurter Paulskirche ein. Historische Assoziationen bleiben am Sitz der ersten Nationalversammlung nicht aus. John F. Kennedy adelte den aus rotem Mainsandstein erbauten und immer wieder als Sakralgebäude genutzten Veranstaltungsort bei seinem Besuch 1963 als „Wiege der deutschen Demokratie“. Vom gleichen Pult aus sprach nun Schulz und es war eine seiner leichtesten präsidialen Aufgaben, den vorwiegend kommunalen Vertretern die Vorteile einer starken Metropolregion im globalen Wettbewerb aufzuzeigen. Er attestierte der Region auch sogleich ein hohes Potential und lobte regionale Zusammenschlüsse als Zukunftsmodell. Denn stark vereinfach gesagt, fördert die Europäische Union Metropolregionen und ähnliche Zusammenschlüsse nach deren Bevölkerungszahl.

An dieser Stelle kommen der Bayerische Untermain (370.000 Einwohner) und Mainz (205.000 Einwohner) ins Spiel: Schafft es Feldmann, diese Randgebiete bundesländerübergreifend durch einen Staatsvertrag in die Metropolregion zu binden, schlagen runde 575.000 Köpfe mehr bei der EU-Förderung zu Buche. Ein bedeutender Schritt nach vorne; denn dies macht etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung des Rhein-Main-Gebiets aus. Frankfurt selbst hat sich über die Jahre deutlich gemacht. Aus der Wild-West-City der Siebziger- und Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts hat sie sich zu einer lebens- und liebenswerten Stadt (Das rothe Frankfurt) gemausert. Aber dennoch kommen die Menschen eher nur zum Arbeiten in die Metropole und leben lieber draußen auf dem Land. Zwar fließen immense Gewerbesteuereinnahmen, doch fallen gleichzeitig auch beispielsweise hohe Ausgaben für Infrastruktur und deren Erhalt an. Gegen zusätzliches Geld hätten die Frankfurter Stadtoberen sicher nichts einzuwenden.

Denn die zweite Fliege, die mit einer Klappe, der gemeinsam verfassten Metropolregion erschlagen werden kann, heißt bayerische Regionalförderung. Im Landesentwicklungsplan des Freistaates findet sich schon seit geraumer Zeit das Ziel, seine Metropolregionen wie München oder Nürnberg wirtschaftlich, verkehrlich, wissenschaftlich, kulturell und touristisch weiterzuentwickeln und besonders zu fördern. Dies gilt auch explizit für den Bayerischen Untermain, da dieser als Teil der Rhein-Main-Region von der Staatsregierung ebenfalls als förderungswürdig anerkannt wurde. Schließlich soll im Zuge der Initiative des Bayerischen Heimat- und Finanzministeriums gleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen auch in den strukturschwächeren Randregionen des Flächenstaats geschaffen werden.

Der bayerische Teil des Rhein-Main-Gebiets war am vergangenen Freitag durch Landrat Ulrich Reuter aus Aschaffenburg vertreten. Dem CSU-Mann lag viel daran zu betonen, wie wichtig die Verbindung ins und mit dem Rhein-Main-Gebiet sei. Er ist die Personifikation einer vernetzten Metropolregion: Aufgewachsen und nach studienbedingter Wanderschaft zwischenzeitlich schon lange wieder wohnhaft in Kleinostheim, promovierte der in Bayern studierte Jurist an der Goethe-Universität. Als Rechtsanwalt und leitender Angestellter im Deutsche Bank-Konzern blieb er Frankfurt bis kurz vor seiner Wahl zum Landrat treu. Ihn nun bei der Wahrung untermainischer Interessen am „Tag der Metropolregion“ zu wissen, macht sachlich und vom Herzen her den richtigen Eindruck. Insgesamt bleibt zu wünschen, dass es dem bayerischen Botschafter in der Metropolregion auch im Resultat gelingt, in München, Frankfurt oder wo es auch immer notwendig sein mag, für die Anliegen des Untermains erfolgreich zu werben. 

Auf Reuter ruhen die Hoffnungen, denn möglicherweise ist der grüne Miltenberger Landrat (noch) zu schlecht vernetzt, um ihm hier zu assistieren. Denn wichtig für Churfranken ist, dass Bayern nicht nur Zahlmeister durch einen Staatsvertrag wird, sondern auch die gewünschten Vernetzungsvorteile bei Wirtschaft, Verkehr, Bildung, Gesundheit, etc. erzielt werden. Dafür muss er ins Felde ziehen. Die Landkreisbürger müssen die Vorteile einer Metropolregion spüren. Ansonsten bleibt es kühle Hülle einer kühnen Idee, deren Identifikationswerte auch schnell wieder sinken würden. Die Menschen am Untermain sind in der weiten Mehrzahl stolz darauf, Bayern zu sein. Eine politische Entkoppelung vom Freistaat wollen die Allerwenigsten. Die länderübergreifenden Regularien im Staatsvertrag sind deshalb mit großem Bedacht zu entwerfen und die besondere Stellung zu wahren. Das hat die Region – das haben die Menschen – verdient. Der Untermain und die Metropolregion haben Perspektive. Deshalb bleibt zuletzt der Vorschlag mit Signalwirkung: Die Metropolregion muss Rhein-Main-Churfranken heißen und genau in dieser Vielfalt in Einigkeit gelebt werden.

Sonntag, 12. April 2015

Schierstein.

Klingenberg. Der Verkehrsinfarkt auf der Schiersteiner Brücke hat das Rhein-Main-Gebiet hart getroffen. Kilometerlange Staus und Umleitungen haben den Verkehr zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz zum Erliegen gebracht und gleichzeitig eine Schwachstelle Deutschlands offenbart.

Vor und für Jahrzehnte gebaut, war die Schiersteiner Brücke schon immer ein Nadelöhr in der Metropolregion zwischen Rhein und Main. Wichtig, weil viele Unternehmen die Nähe zu den Flüssen, wie auch zum Frankfurter Flughafen, suchen. Lebensnotwendig, weil im Pendlerland Rheinland-Pfalz viele ihre Heimat nicht für ihren Arbeitsplatz aufgeben müssen.

Als kurz vor dem Höhepunkt der fünften Jahreszeit in Mainz Teile der Brücke herausbrachen, wurde das Herzstück der Verkehrsarchitektur über dem Rhein gesperrt. Die Folgen sind bekannt und führten deutlich vor Augen, dass der stark diskutierte und kritisierte Zustand der Infrastruktur in Deutschland, allen voran im Bereich der Straßen und Brücken, mau aussieht. Da wird die Maut, Verzeihung, Infrastrukturabgabe wenig bis gar nichts bewegen.

Die Wiedereröffnung der Brücke für den Verkehr – Schwerlasten sind weiter ausgenommen – entlastet die Politik jedoch nicht von der Suche nach langfristigen Lösungen. Freilich ist die Forderung nach mehr Geld für Investitionen leicht aufgestellt. Weniger schnell sind gleichwohl die Probleme abgestellt, die zum Infarkt führten.

Nicht wenige verweisen auf die derzeit niedrigen Refinanzierungskosten für Bund und Länder und fordern einen raschen Abbau des Investitionsstaus. Schulden statt Staus, wo das Geld doch fast verschenkt wird.  Doch die Komplexität der Maßnahmen verhindert das. So einfach ist es nicht und wer weiß, ob die Zinsen bei Beginn der Umsetzung noch so niedrig sind.

Schierstein hat gezeigt, dass es viele Problemstellen außerhalb der Mittelverwendung gibt. Die Abstimmung zwischen zwei Bundesländern funktionierte nicht, selbst die schon eingeplanten Steuergelder werden nicht immer zeitnah und effizient verbaut und der Fokus der Politik liegt auf Großprojekten. Drei Regionalflughäfen sind erwähnenswert, die zeigen, dass Geld nicht immer sinnvoll verbaut wird: Kassel-Calden, Hahn und Zweibrücken statt Schierstein und Co.

Deutschland braucht eine leistungsfähige Infrastruktur. Wer sich nicht der grünen Eisenbahnromantik hingeben will, muss auch zugeben, dass dazu Brücken, Straße und Flughäfen notwendig sind. Ja, auch leistungsfähige Bahnknotenpunkte gehören dazu, damit nicht jeder Regionalflughafen zum letzten Strohhalm ganzer Regionen wird. Bespiele lassen sich beliebig viele finden. Am Ende zeigen sie alle, dass eine aktive und abgestimmte Infrastrukturpolitik präventiv denkt und derzeit notwendiger ist denn je. Der Bundesverkehrsminister Dobrindt sollte doch im digitalen Zeitalter in der Lage sein, diesen Prozess in sinnvolle Bahnen zu lenken und ein Gesamtkonzept mit seinen Kollegen auf der Länderebene zu entwerfen. Langfristig wären damit weniger Löcher in Brücken wie auch in Haushalten und ihm der Eintrag in die Geschichtsbücher sicher. 

Mittwoch, 4. März 2015

Grexit.

München. Mit dem Votum der Zustimmung des deutschen Bundestags war der Weg für die viermonatige Verlängerung des griechischen Hilfsprogramms frei. Die überwältigende Mehrheit spiegelte nicht die breite Skepsis wieder, die der neuen griechischen Regierung entgegenweht. Der Grexit droht.

Immer wieder stellt sich Frage, wie konnte es eigentlich soweit kommen. Zu Beginn der Währungsunion entwickelten die Europäer die Lissabon-Strategie. Das Ziel bestand darin, die Wettbewerbsfähigkeit der EU innerhalb von 10 Jahren zu erhöhen. Doch nach zehn Jahren war die EU ihrem Untergang näher als der Erreichung des Ziels.

Europa war gefordert, eine Krise zu überwinden, auf die niemand vorbereitet war. Im Krisenmodus fehlten die Blaupausen. Was ist richtig, was ist falsch? Die Doktrin des Sparens, geprägt von den Deutschen, war eine Medizin, die keineswegs den schellen Erfolg versprach oder eine schnelle Linderung von den Schmerzen. Im Gegenteil: Bevor es besser werden konnte, wurde es viel schlimmer. Und erst heute, nach und nach verbessern sich die Wirtschaftsindikatoren in den Krisenländern. Wachstumsfördernde Strukturreformen fehlen.

Die Kanzlerin, und viele mit ihr, haben erkannt, dass die Solidarität der Starken mit den vermeintlich Schwachen nicht umsonst ist. Die Handelnden sind auf die Zustimmung ihrer Wähler angewiesen und leichtfertig vergibt niemand Kredite und Steuergeld. Das sollte gerade das Mutterland der Demokratie verstehen.

Wer Solidarität will, ist aufgefordert etwas zurückzugeben. Dabei ist nicht Dankbarkeit zu erwarten, sondern vielmehr Verständnis dafür, dass die Europäer in einem gemeinsamen Boot sitzen und dieses nur eine Richtung ansteuern sollte.

In Griechenland ist dieses Verständnis nicht vorhanden. Die dortige Regierung möchte die Richtung vorgeben, obgleich der Kurs schwere Unwetter bedeutet. Am Ende könnte das gemeinsame Boot sogar sinken. Das scheint wahrscheinlicher denn je. Der Rest Europas sollte sich dessen bewusst sein und alles dafür tun, dass die Schäden des aufziehenden Sturms namens Grexit überschaubar bleiben.

Wolfgang Schäuble sagte dazu am Tag der Abstimmung: „Wir Deutschen sollten alles daran tun, dass wir Europa zusammenhalten, so weit wir können, und zusammenführen. Wieder und wieder.“ Das sollten wir. Aber die Solidarität mit anderen und der Blick auf das, was wir auch in Zukunft können wollen, zwingt uns dazu zu ergänzen: nicht um jeden Preis.

Krieg den Palästen!


Erlenbach. Diese Überschrift taugt als Nachricht über der Nachricht: „Der Entmachtung der Demokratie wird zugestimmt.“ Es ist der Titel eines kürzlich im Main Echo erschienenen Leserbriefs zu TTIP, CETA und TiSA. Der Schreiber bezweifelt stark, dass es die Verhandlungsführer gut mit den deutschen Bürgern meinen. Die üblichen Schreckgespenster werden bildhaft beschrieben: Geheimverhandlungen, Privatisierungswahn, unbeschränkte Staatshaftung und himmelschreiende Ignoranz von Politikern. Zum Schluss ist wieder einmal die Zukunft unserer Kinder gefährdet.

Bei solchen emotionsgeladenen Diskursen scheint es für einige Menschen um mehr zu gehen als völkerrechtliche Verträge. Es geht um Weltbilder. Diese leiten sich selten aus Fachdiskussionen über Vertragstexte oder Wohlfahrtsstatistiken ab. Sie ergeben sich vielmehr aus Emotionen, wenn aus der subjektiven Wahrnehmung der Einzelnen ein Gruppenkonsens wird. Im Falle der sehr aufgebracht wirkenden Gegner geht es um die Deutungshoheit zu den Freihandelsabkommen. In biblischer Anlehnung stilisieren sie es zur Frage, ob die Kräfte des Guten oder die des Bösen siegen werden? Die Rollen sind offenbar bereits zwischen den Bewahrern von Demokratie und Schöpfung einerseits, sowie den kapitalistischen Lobbyisten und Freunden amerikanischer Großkonzerne andererseits, verteilt. Die vehemente Kritik der Gegner legt den Schluss nahe, dass uns gleich mit Abkommensunterzeichnung der Tag des Jüngsten Gerichts bevorsteht. Fraglich ist nur, ob, wenn dem so sein sollte, die Kritiker der Besetzung dieses Schiedsgerichts dann auch nicht zustimmen werden?

Frühestens seit der Aufklärung und spätestens mit der ´68-Generation hielt eine grundlegende Skepsis über die Politik der Regierenden in breiteren Bevölkerungsteilen Einzug. Das war und ist auch gut so, denn ohne Hinterfragen und Zweifel haben es neue Erkenntnisse schwer. Ein Fortschritt wird ansonsten massiv behindert. Eine Kontrolle der Mächtigen ist richtigerweise unabdingbar. Früher definierte sich die Linke aber mit einem unbändigen Willen zur Veränderung im Sinne einer Verbesserung der Lebenssituation für die Menschen. Sie waren die Progressiven und boten den Reaktionären die Stirn. Seit einigen Jahren sind der mangelnde gesellschaftliche Veränderungswille und die Auswirkungen der Globalisierung stark zu spüren. Die Linke hatte nun ein anderes, viel moralischeres Unterscheidungskriterium gefunden: Die Guten und die Bösen. Oder anders gesagt, die aufrechten Linken und die neoliberalen Kapitalisten. Ist ein solches Weltbild einmal gefestigt, wird jede Diskussion zur Geduldsprobe.

Die Grabenkämpfe sind wieder eröffnet. In Zeiten wie diesen scheint es auszureichen, moralisch gefärbte, plakative Aktionen gegen TTIP, CETA und TiSA zu fahren. Möglicherweise fühlen sich die Verantwortlichen, der sich im Landkreis Miltenberg formierenden Bürgerinitiative gegen die Freihandelsabkommen, wohl zu sehr an ihre Jugendzeit erinnert. Rebellion gehörte da zum guten Ton. Seitdem als Konsequenz aus Fukushima die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Angela Merkel den Atomausstieg und die Energiewende festzurrte, ist so manchem im linksökologischen Lager das Reizthema abhandengekommen. Ein undifferenzierter Widerstand gegen die Freihandelsabkommen scheint die Ersatzhandlung zu sein. Doch wie lange wird diese emotional aufgeladene und faktenferne Kampagne ausreichen und andauern?

Wenig Produktives ist von den Miltenberger TTIP & Co.-Gegnern zu hören. Meist sind es hanebüchene Vergleiche mit vergangenen Privatisierungsmaßnahmen, Angstmachereien vor scheinbar drohendem Demokratieverfall und schallende Liberalismusschelten. Kein Angebot der Kritiker dringt nach außen, wie die Freihandelsabkommen als Win-win gestaltet werden könnten. Totale Ablehnung und Effekthaschereien reichen als Programm aus. Vergessen wird die lange Liste erfolgreicher multinationaler Handelsvereinbarungen und Investitionsabkommen. Übersehen werden die Bemühungen des Bundesentwicklungshilfeministers für ein Fair-Handelsabkommen. Bestritten wird die seit der Einführung des gemeinsamen Binnenmarktes innereuropäisch geübte und erfolgreiche Praxis an Liberalisierungen, Harmonisierungen und gemeinsame Standards.

Warum soll das alles prinzipiell nicht zwischen den USA, Kanada und Europa gelingen? Selbstverständlich sollten Bedenken diskutiert sowie Verhandlungstransparenz und Sachstandskommunikation verbessert werden. Denn Friede wird erst in die Hütten einkehren, wenn den Bürgern detailliert und stichhaltig die Chancen aus den Freihandelsabkommen erklärt und Risiken realistisch benannt werden. Das ist politisch machbar und dringliche Aufgabe, vorwiegend der Europapolitiker. Der hessische Landbote braucht aber in dieser Angelegenheit nicht zu erscheinen. Die Energie wäre besser auf eine Lösung des Ukraine-Konflikts, auf das Einhalt gebieten der IS-Mörderbande oder zur Bewältigung der medial kaum mehr präsenten Ebolafieber-Epidemie verwendet. Einer wäre sicher an der Seite der dort so leidenden Menschen: Georg Büchner.

Sonntag, 25. Januar 2015

Das Misstrauensvotum.

München. Mario Draghi hat  am vergangenen Donnerstag die Geldschleusen weit geöffnet. Die EZB kauft Staatsanleihen im großen Stil und flutet Europa mit billigem Geld.  Was die Südeuropäer freut, hat im Norden Kritik hervorgerufen. Doch die Kritik trifft den Falschen.

Als die europäische Schuldenkrise vor wenigen Jahren ausbrach, und die Zentralbank erstmals Staatsanleihen in deutlich geringerem Umfang als heute erwarb, verloren die Notenbanker ihre Unschuld, nicht aber ihre Unabhängigkeit.  An Draghis Entschlossenheit den Euro zu retten zweifelt inzwischen niemand mehr.

Super Mario hat den Krisenstaaten Europas schon vor zweieinhalb Jahren Zeit gekauft. Er entlastete ihre Haushalte mit niedrigen Zinsen und der Versicherung, dass die EZB den Euro verteidigen werde. Die Mittel dafür werden ausreichen, daran ließ er keinen Zweifel.

Doch Europa ändert sich nur langsam. Drei Krisenstaaten ziehen mehr oder weniger schnell Reformvorhaben durch und ändern sich. Bei anderen fehlt das Engagement oder sie halten sich an Politiker, die unhaltbare Versprechungen machen. Gleichzeitig erstarken Eurogegner in allen Ländern, denen es vor allem um die Nationalstaaten, weniger um die europäische Einheit geht.

Das alles sieht auch Draghi und er verzweifelt daran, dass seine Warnungen und Ratschläge, die Zeit des billigen Geldes für Reformen zu nutzen, viel zu leichtfertig ignoriert wurden. Damit fehlen Europa wirtschaftliche Impulse und Wachstum.

Was er uns seine Kollegen letzte Woche beschlossen haben, ist keine konventionelle Zentralbankpolitik. Es ist der Versuch die Phase des billigen Geldes auf unbestimmbare Zeit zu verlängern. Gleichzeitig schwächt die Maßnahme den Außenwert des Euros und erhöht damit die Exportchancen Europas. Es ist nichts anders als ein Misstrauensvotum der unabhängigen EZB gegenüber der Politik, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Auch Deutschland kann sich dieser nicht entziehen. Die Kosten dafür trägt der europäische Sparer.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Das Abendland.

München. Die fürchterlichen Terroranschläge von Paris treffen Europa im Mark. Es verbietet sich, die verachtungswürdigen Verbrechen in Frankreich in einem Zug mit den Demonstrationen in Deutschland zu nennen. Und doch ist ein Weckruf geboten. Es geht um das Abendland.

Mord und Terror in Paris sind ein Anschlag auf die westlichen Werte. Niemals sind die Taten zu rechtfertigen. Immer ist die Gesellschaft aufgefordert, ihre Grundrechte zu verteidigen. Die freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit sind nicht weniger bedeutend als die Religionsfreiheit und die Gewaltenteilung. Alles gilt, weil die Würde des Menschen unantastbar ist. Wer gegen diese Grundrechte vorgeht, mordet und bombt, greift das Abendland in seinen Grundfesten an. 

Europa ist stolz auf seine Grundrechte. Die Freiheit ist in weiten Teilen des Kontinents keine alte Bekannte, sondern steckt in den Kinderschuhen. Es ist wichtig, dass die Europäer demonstrieren und sich politisch engagieren. Es ist ihr Recht. Doch nicht jeder Demonstrant hat recht. Die Meinungsvielfalt zeichnet Europa aus.

Reflexartig stellen sich nun einige hin und rechtfertigen ihre Argumente mit den Terroranschlägen von Paris. Weil das Abendland seine Errungenschaften verteidigen muss, sehen sie sich gestärkt in ihrem Vorgehen gegen die „Islamisierung“ und die „Lügenpresse“. Ist etwa eingetreten, was Tausende in Dresden für die Zukunft befürchteten?

Der Reflex ist falsch. Toleranz wird nicht durch Vorverurteilungen gemehrt. Toleranz ist aber ein Fundament des Abendlandes, genauso wie Freiheit. Mögen sie anderswo unter Freiheit die Freiheit der Funktionäre verstehen und die Toleranz dort enden lassen, wo ein anderer nicht mehr zustimmt, sondern seine Stimme erhebt. Das Abendland ist anders.

Deswegen müssen wir ein feines Gehör für die leisen Rufe entwickeln, weniger tolerant und damit weniger frei zu sein. Wir müssen unser Gespür schärfen, für unser Grundbedürfnis nach Sicherheit nicht unsere Grundrechte zu opfern. Wir müssen ein echtes Gefühl dafür entwickeln, dass sich das Abendland vor allem über seine Grundrechte definiert und nicht Hass und Ressentiments unsere Entscheidungen leiten sollten. Das Abendland ist mehr. Wir alle sind das Abendland und aufgefordert, es zu leben.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Spiritus rector

Erlenbach. Er kann reden. Als Testat gilt der reichliche Applaus von 400 Zuhörern. Gesprochen hat kein Staatspräsident, Wirtschaftsführer oder geistliches Oberhaupt. Es war viel profaner, handelte es sich doch um die Neujahrsansprache des Erlenbacher Bürgermeisters. Michael Berninger lud am Dreikönigstag in die Frankenhalle ein. Leitmotiv seiner Rede, oder genauer deren gedankenleitende Frage, war: "Dürfen wir träumen?".

Er bejahte sich dies selbst und grenzte seinen eher pragmatischen Traumbegriff von Illusionen ab.Tatkraft sei notwendig, damit aus Träumen Wirklichkeiten entstünden. Er sprach sich für den gezielten Einsatz von Planung und Strategie aus, damit aus dem Traum eine Vision und aus der Vision die Realität würde. Er sprach vom Geist einer Mannschaft, die in Brasilien Fußballweltmeister wurde. Von deren Willen, Mut, Kraft und Ausdauer bis zum Erreichen des großen Ziels. Er erkannte an, dass der Traum des einen nicht unbedingt der Traum des anderen sei und somit nicht alles in Erfüllung ginge. Selbstkritisch benannte er Wahlergebnisse als ein solches Beispiel. Er bot an, Trost darin zu finden, dass es immer neue Träume oder besser Ziele geben könne und man deshalb ruhig weiter träumen solle. Nur schlafen dürfe man dabei nicht, sonst hole einem die Wirklichkeit schnell ein. Berninger ist damit eines nicht: ein Traumtänzer.

Was ist Berninger dann? Roman Deiningers Plädoyer "Freiheit für das Wort!" für mehr Redekunst in der Politik (Süddeutsche Zeitung vom 15./16.11.2014) verdanke ich die Erkenntnis, dass man wahrlich kein Obama oder Martin Luther King sein müsse, um die Menschen zu berühren. "Eine gute Rede versammelt eine Gemeinschaft vor einem Fenster, und dann zieht sie den Vorhang auf. Eine gute Rede kann erklären und wärmen, ermuntern und mahnen, sie kann - im besten Fall - Identität stiften und Bürgergeist." Deininger weiß auch weiter, was das Publikum davon hat: "Natürlich, Demokratie funktioniert auch ohne Inspiration. Aber sie funktioniert besser, viel besser, mit ihr.". Dankbar bin ich deshalb um Politiker wie Michael Berninger. Sie beherzigen die Kriterien einer guten Rede und sind zukunftsgewandt. Berninger betonte schon auf der Bürgerversammlung im November, dass er bereit sei, Erlenbach neu zu denken, alte Denkpfade zu verlassen und neue Zukunftsstrategien im engen Austausch mit den Bürgern zu entwerfen. Ich zähle auf ihn, denn das ist inspirierend und gut für Erlenbach.