Viel Freude beim Lesen!
Sonntag, 14. Februar 2010
Chaostage
Freitag, 5. Februar 2010
Felix Confoederatio Helvetica
Das neue Jahrtausend begann mit dem Zusammenbruch der Swissair. Die Finanzkrise brachte für die UBS schlechte Schlagzeilen. In der jüngeren Vergangenheit haben die Steueramnestie Italiens und eine französische Steuersünderdatei dem Bankenplatz weiter zugesetzt. Die Drohungen des ehemaligen deutschen Finanzminister Steinbrück haben ebenso zu Verstimmungen in Bern gesorgt, wie die Versuche der EU die Schweiz stärker zur Zusammenarbeit bei Steuerdelikten zu zwingen. Das Bankgeheimnis ist den Schweizern heilig und scheint für viele Grundlage des anhaltenden wirtschaftlichen Erfolges.
Der jüngste Rückschlag für die Schweiz ist der Kauf der Steuersünderdatei durch Deutschland. Doch im Gegensatz zu früher ist die eidgenössige Haltung zurückhaltend. Finanzminister Schäuble und sein Kollege aus Bern haben sich rechtzeitig ausgetauscht und beiderseitig auf Kampfrethorik verzichtet. Auch die Medien zeigen sich zurückhaltend. Natürlich begrüßt keine Zeitung aus der Schweiz den Kauf, doch lediglich die konservative "Blick" erinnert provozierend an CDU-Schwarzgeldkonten und die Verwicklung Schäubles in die damalige Spendenaffäre. Die NZZ kommentiert bereits das Umdenken von Finanzminister (Bundesrat) Merz.
Industrie und Finanzsektor fördern dieses Umdenken. Für die Industrie ist ein schneller Abschluss des Doppelbesteuerungsabkommens mit dem wichtigen Handelspartner Deutschland entscheidend. Die Banken haben erkannt, dass sie aus der Misere nur herauskommen, wenn sie aktiv gegensteuern. Dabei ist die Ausgangslange denkbar günstig. Nirgendwo sonst auf der Welt ist Fachwissen innerhalb der Verwaltung großer Vermögen so gebündelt vorhanden wie in der Schweiz, in Zürich und Genf. Das Leistung überzeugen kann zeigt nicht zuletzt die hohe Industriedichte im Hochlohnland Schweiz.
Die Schweiz bleibt eine Insel des Glücks. Eine Schweiz, die auf Zusammenarbeit und Leistung setzt, muss sich vor der Zukunft keinesfalls fürchten.
Sonntag, 31. Januar 2010
Steuersünder
Eigentlich steckt in dieser Frage viel mehr. Sie beinhaltet gleichzeitig die Frage, warum brauchen wir wirtschaftliches Wachstum und warum brauchen wir wirtschaftlichen Erfolg?
Es ist wichtig festzustellen, dass das deutsche Steuersystem insich gerecht ist. Es versucht im Steuersystem einen Interessensausgleich zu schaffen zwischen Viel- und Geringverdienern. Diese Gerechtigkeit stößt aber an Grenzen, vor allem wenn die linke Forderung aufkommt, das System möge mehr leisten, es möge Reichtum für alle ermöglichen. Dieser Wahlkampfschlager zeigt die gesamte Bandbreite des ökonomischen Unverständnisses. Reichtum für alle bedeutet nichts anderes als alle gleich arm.
Da das Steuersystem den Insich-Ausgleich nicht leisten kann, muss es radikal geändert werden. Vielmehr noch: da das gerechte deutsche Steuersystem international offenbar nicht wettbewerbsfähig ist, muss es geändert werden. Dabei ist eine Steuersenkung zunächst nicht zwingend. Vielmehr muss das Ziel verfolgt werden, alle steuerlichen Anreize zu beseitigen, die immer an anderer Stelle einen Ausgleich erzwingen und Handeln unter nichtökonomischen Gesichtspunkten ermöglichen.
Warum aber ist Reichtum und Wachstum gut und wichtig? Die Beantwortung des zweiten Teils der Frage ist einfach: Wer nicht nur auf die Frage fokussiert ist, wie ist der Wohlstand gerecht zu verteilen, sondern vielmehr wo kommt er her, findet die Antwort sofort. Wachstum ist notwendig um das Verteilen zu ermöglichen. Das vergangene Jahr zeigt, was die Folgen des Nichtwachsens sind. Warum ist aber Reichtum notwendig. In vieler Hinsicht ermöglicht nur Reichtum das Eingehen von Risiken, anders formuliert die Gründung neuer Unternehmen, Forschung und Entwicklung sowie Produktion. Der Staat kann dies niemals ersetzen bestenfalls begünstigen. Der Staat ist niemals der bessere Unternehmer, das zeigte doch gerade die bankrotte DDR!
Wohlstand für alle bedeutet immer auch Reichtum für wenige. Der Staat kann das Ziel "Wohlstand für alle" unterstützen indem er einfache und transparente Steuerregeln schafft und um ein Zitat von Lothar Späth aufzugreifen sich im Unternehmertum um die Babys, die jungen Unternehmen, und nicht um die Greise kümmert.
Donnerstag, 28. Januar 2010
Madrid – Die Spanier leiden leise
Die Stadt im Zentrum Spaniens ist mit Abstand die größte Metropole der iberischen Halbinsel. Sie zählt über 3,1 Mio. Einwohner, mit Vorstädten rund 6,0 Millionen, Tendenz steigend. Zur Vollständigkeit sei erwähnt, dass die Infrastruktur vorbildlich, die Stadt enorm sauber und für Kunstliebhaber überaus attraktiv ist. Tausende von Cafés und Bars sind in Madrid zu finden, die den Lebensrhythmus prägen. Die Arbeitslosenstatistik weist für das gesamte Land eine Quote von über 20%, mancher neigt sogar zu der Feststellung jeder vierter Spanier sei ohne Arbeit. In Madrid ist Lage freilich etwas besser, dennoch viele klagen über niedrige Einkommen und hohe Lebenskosten. Tatsächlich übertrifft das Preisniveau die spanische Provinz und den deutschen Vergleichsmaßstab bei weitem. Preistreiber war die atemberaubende Aufholjagd der spanischen Wirtschaft seit 1995. Sie löste die Abhängigkeit vom Tourismus, brachte aber zeitgleich eine neue Abhängigkeit. Betongold sei hier das Stichwort: nicht neue Technologien, Branchen oder Unternehmen sondern der kreditfinanzierter Bauboom ist Fundament des Erfolgs – der Krise. Die Spanier sind privat verschuldet. Der enorme Konsumhunger hat diese Situation eher verschlimmert.
Doch wie läuft die Anpassung in der Krise? Rabattschlachten sind ein Beispiel. Um die Kauffreude anzureizen werden in den Wochen nach Weihnachten Rebajas (Rabatte) vergleichbar mit dem ehemaligen Winterschlussverkauf durchgeführt. In diesem Jahr fielen die Diskonte noch höher aus als üblich, um die Lager zu räumen. Cafés und Bars sind unter der Woche leer, schließen teilweise vor Mitternacht, eine für normale Verhältnisse absolut untypische Uhrzeit. Restaurants und Bars offerieren unter der Woche Kampfpreise – Cocktails zur Hälfte oder einem Drittel sind üblich – drei Gänge für 10 EUR zu haben. Selbst die amerikanischen Filialisten haben sich angepasst und bieten den Burger der Woche für 2,50 EUR.
Die Madrilenen verhalten sich unterschiedlich. Ein großer Teil zeigt sich davon unbeeindruckt und bleibt zu Hause. Selbst die nicht direkt Betroffenen sparen. Häufig wird die freie Zeit genutzt um Englisch zu lernen. Die Nachfrage nach diesen Kursen erreicht ungekannte Höhen. Auch die Bereitschaft auszuwandern ist vergleichsweiße hoch. Absicherung bietet die Familie. Es ist ein stilles Leiden und wer fragt erfährt, dass die Stadt anders ist als in den vergleichbaren Jahreszeiten der Vorperioden. Das andere Bild ist weniger schön. Unabhängig von der zweifelsfrei vor allem in der Lotterie dokumentierbaren Spielfreude der Spanier, sind in Madrid und anderorts hunderte von Glücksspielhallen zu finden, in denen inzwischen 24 Stunden Betrieb und Nachfrage herrscht. Goldhändler bieten fast aufdrängend ihre Dienste an, Gold in jeder Klasse anzukaufen.
Die Krise hat Spanien verändert – doch das leise Leiden der Spanier kann auch eine Chance sein.
Samstag, 23. Januar 2010
Oskar. Banken. Klientelpolitik.
Oskar Lafontaine ist ein Meister der medialen Darstellung. In den vergangenen Wochen ließ er ungeliebte Gegner medial entmündigen, streute Spekulationen über seine Rückkehr in die Bundespolitik, eroberte die linke Themenhoheit mit einem provinziellen Auftritt und ließ seinen Rückzug aus der Bundespolitik gebührend feiern, inkl. Drohungen seiner Mitstreiter ein Verzicht auf den Vorsitz sei nicht das Ende seiner Ideen und seines Einflusses. Dabei ist sein Erfolg auf eine reine Klientelpolitik alter Schule aufgebaut. Der Chor derer, die den Verfall der SPD mit dem Weggang Oskars begründen, ist nicht klein. Sie irren aber. Den nur die Schröderschen Orientierung zur Mitte, gleiches gilt für Helmut Schmidt und Willy Brandt, machten die SPD außerhalb ihrer Klientel wählbar. Oskar Lafontaine machte stets Politik mit Feindbildern.
Nur wo er dies nicht ausschließlich tat, war über die Parteigrenzen geachtet und erfolgreich. Seine Zeit als Saarbrücker Oberbürgermeister wird von den meisten dort lebenden Bürger geschätzt. Lafontaine, der stets angab in seinen Überzeugungen Gaullist zu sein, machte danach Politik für seine Klientel, die sich stets aus unterschiedlichen Richtungen kommend hinter ihm einten.
Lafontaine ist ein Machtmensch, mit großem politischen Gespür für seine Klientel und dem dazugehörigen Durchsetzungswillen. Daher ist völlig klar, weshalb er 1999 zurücktrat und weshalb er auch zum Feinbild vieler wurde. Gaullist ist vor allem deshalb, weil seine Art der Politik nur gemäß de Gaulles Staatsidee, in Frankreich verwirklicht, durchzusetzen ist.
Doch Lafontaine, von britischen Medien als gefährlichster Mann Europas bezeichnet, lag oftmals falsch und häufig unverbesserlich daneben. Mancher Ökonom ergraute bei Lafontaines stetiger Forderung die unabhängige EZB zurück in die politische Abhängigkeit zu führen und die amerikanische Politik des billigen Geldes in Europa zu übernehmen, um Wachstum und Beschäftigung nachhaltig anzuregen. Die Teilverstaatlichung privater Banken war eine später eingefügte Forderung. Unbestreitbar ist, dass die amerikanische Notenbank mit der Politik des billigen Geldes die heutige Wirtschaftskrise verursachte. Diese Wahrheit ist so selten publiziert, weil sie eine hohe Mitverantwortung der politisch Verantwortlichen in den USA bedeutet. Die EZB hat dieser Verlockung stets wiederstanden und ihre politische Unabhängigkeit verteidigt. Dabei hat sie mäßigend gewirkt und die Kreditvergabe nicht unnötig angereizt. Wäre Lafontaines Forderung umgesetzt, wäre der Untergang des Abendlandes besiegelt. Von seinen Forderungen sind heute übrigens nur noch die Verstaatlichungen des Bankensektor und die politische Einflussnahme auf die EZB, derer sich neuerdings auch Andrea Nahles anschließt, übrig. Die alten Ideen sind in jedem seiner Bücher und Leitartikel nachlesbar. Bis heute schuldet er jedem mündigen Bürger die Erklärung - warum staatliche Banken doch pleite gehen können - und was die Politik des billigen Geldes für Europa wirklich bedeutet hätte.
Herr Lafontaine, sicherlich finden Sie zukünftig genug Zeit diese Fragen in einem Buch umfangreich zu beantworten!
Sevilla und die Gretchenfrage
Die Stadt im Süden der iberischen Halbinsel kann auf eine über zweitausendjährige Geschichte zurückblicken. Römer und Katharger siedelten hier, später im 8. Jh. n. Chr. eroberten die islamischen Mauren die Stadt und prägten sie über 500 Jahre. Ferdinand III von Kastilien, in der Stadt allgegenwärtig, eroberte Sevilla 1248, das in der Folgezeit zu einem christlichen Bollwerk ausgebaut wurde. Die Entdeckung Amerikas führte Sevilla zu neuer Blüte. Ab 18. Jh. n. Chr. endete diese Phase und küstennahe Städte wie Cadiz profitierten zunehmend durch ihre Überseehäfen.
In Spanien die Frage nach der Religöisität zu stellen klingt zu zunächst rethorisch. Selbstverständlich sind die Spanier überwiegend katholisch. Doch gerade Sevilla ist passend um einen genaueren Blick zu wagen. Die Stadt verfügt über den flächenmäßig größten Kathetralbau der Welt, der auf den Überresten einer Moschee erstellt wurde. Die tiefe Verwurzelung der Stadt im katholischen Glauben ist überall sichtbar und wird besonders in den Prozessionen der Karwoche deutlich. Sevilla bildet keine Ausnahme in Spanien, aber auch nicht die Regel. Tatsächlich sind nahezu alle Spanier katholisch, aber die strenge Auslegung ist nicht mehr weit verbreitet. Die Großstädte kennzeichnet eher eine liberale Bewegung mit Kritik an der Kirche. Konflikte zwischen der Regierung und der Kirche sind gleich an zwei Fronten dokumentierbar. Zum einen die Liberalisierung der Abtreibungsgesetze, zum anderen die Aufarbeitung der Franco-Diktatur. Spanien hat seinen Weg in die Demokratie ohne Blutvergießen beschritten, verarbeitet wurden die die Diktatur nie. Das liegt zum einen daran, dass der amtierende König von Francos Gnaden ist und zum anderen die gesellschaftliche Verpflechtung dieses fast vierzig Jahre andauernden Regimes enorme Tiefe hat. Erst seit 2007 gibt es eine offiziellen Regierungskommission, die sich mit der Aufarbeitung dieser Zeit beschäftigt. Spanien ist in vielen Punkten mit den späten Sechzigern, frühen Siebzigern in Deutschland vergleichbar. Kluge politische Entscheidungen könnten nötig sein um Spanien eine 68er-Bewegung zu ersparen. Dazu muss jeder in Spanien seinen Beitrag leisten. Die Überwindung der wirtschaftlichen Misere ist nur ein Teil der aktuellen Probleme.
Einfach ist die Überwindung der wirtschaftlichen Misere nicht. Dabei stellt sich in den Regionen und Städten abseits der Hauptstadt Madrid die Frage, ob eine vergleichbare Infrastruktur vorhanden ist. Sevilla verfügt zweifelsfrei über diese. Seit der Weltausstellung 1992 ist die Stadt durch eine Hochgeschwindigkeitstrasse direkt mit dem Zentrum von Madrid verbunden. Der historische Stadtkern ist vom Streckverlauf ausgenommen. Der Fernbahnhof liegt innenstadtnah und der Verkehr fließt in einem Tunnel ab. Sevilla ist sehr touristisch, verfügt aber über eine moderne Infrastruktur. Die Investitionen von 1992 haben das Stadtbild nachhaltig geprägt. Neben Bussen fahren moderne Straßenbahnen, eine U-Bahn-Linie geht 2010 ans Netz und verbindet den Stadtkern mit den äußeren Bezirken. Die beiden Universitäten haben in Spanien einen hervorragenden Ruf. Die ehemals von der Tabakindustrie geprägte Stadt hat sich zum spanischen Zentrum der Luftfahrtindustrie entwickelt. EADS unterhält hier ein Werk - Zulieferberiebe haben sich angesiedelt. Der internationale Flughafen gewährleistet ein direkte Anbindung nach Madrid und Barcelona und unterstützt dank der zahlreichen Billigflieger den steten Zustrom an Touristen. Trotz der nach wie vor hohen Bedeutung des Tourismus vermittelt Sevilla keinesfalls den Eindruck einer Fokussierung auf diesen. Die Stadt hat die Hausaufgaben gemacht, um die wirtschaftliche Misere zu überwinden. Sie steht damit lediglich in Konkurrenz mit vielen anderen spanischen Großstädten für die gleiches gilt!
Freitag, 22. Januar 2010
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?
In gesamtwirtschaftlich schwieriger Zeit ging die neue Airline im Februar 2009 an den Start. Eigentlich sind das Tage, an denen so manche Gesellschaft den Flugbetrieb eher einstellt, als nach Expansionsmöglichkeiten zu suchen. Erlösverfall, harte Konkurrenz und hohe Kosten bilden den ökonomischen Rahmen. Doch der Newcomer hält sich verdächtig lange auf dem umkämpften norditalienischen Markt. Dem ungeachtet wächst die Flotte auf bislang acht Flugzeuge, zehn Destinationen werden von der Heimatbasis Mailand aus angeflogen. Im Sommer sollen sogar noch einige dazu kommen und die Anzahl der Frequenzen, insbesondere nach Paris und London, erhöht werden. Ein betriebswirtschaftliches Wunder? Vielmehr das strategische Interesse eines großen Luftverkehrskonzerns.
Mailand, die zweitgrößte Stadt Italiens, liegt in der Region Lombardei. In der Metropolregion leben fast acht Millionen Menschen, ein Mekka für Wirtschaft, Kunst und Kultur. Mit ihrer deutschen Partnerstadt Frankfurt am Main teilt sie darüber hinaus noch eine wesentliche Eigenschaft: Sie ist wichtiger Verkehrsknotenpunkt des Landes. Prinzipiell lässt dies auf ein hohes Marktpotential für Fluggesellschaften schließen. Nach den anhaltenden wirtschaftlichen Problemen und dem schließlich eingeleiteten Rückzug des Platzhirschs Alitalia eröffneten sich Wachstumspotentiale. Die Strategen der Lufthansa hatten zwei Optionen. Sie hätten sowohl die Lufthoheit über einem der wichtigsten und kaufkraftstärksten Räume der Europäischen Union den EasyJets und Ryanairs dieser Welt überlassen, als auch auf ein Wiedererstarken von Alitalia warten können. Sie entschieden sich allerdings für den Fuß in der Tür, auch unter widrigen globalen gesamtwirtschaftlichen Bedingungen. Der Markteintritt zu diesem Zeitpunkt war also die logische Konsequenz.
Heike Birlenbach muss nun die Überlegungen der Konzernstrategie in die Tat umsetzen. Sie zeigt sich stolz auf ihre bisherigen Ergebnisse. Deutsche Sekundärtugenden und die Bekanntheit der Marke Lufthansa, verbunden mit italienischem Flair und Lebensart. Ein Spagat, wie sie dennoch zugibt, ist es allemal. Reicht es aus, eine Espressomaschine an Bord zu installieren, die Trikolore Grün-Weiß-Rot in das Kabineninterieur einzubinden oder rein italienischsprachige Flugbegleiter einzusetzen, um betriebswirtschaftlich erfolgreich zu sein? Sitzladefaktoren „um die 60 Prozent“ müssen auf schlanke Kostenstrukturen treffen, um an schwarzen Zahlen überhaupt denken zu dürfen. Das weiß auch Birlenbach. Auf die Frage nach den noch unklaren arbeitsrechtlichen Regelungen und den Auseinandersetzungen mit der Vereinigung Cockpit, die den italienischen Kranich lieber nie hätten abheben sehen, gibt Birlenbach eine kuriose Antwort. Die Airline sei noch so klein und familiär strukturiert, dass sie mit jedem Mitarbeiter, der ein Problem habe, gerne auch persönlich diskutieren könne. Ein ambitioniertes personalpolitisches Vorhaben. Selbst für eine noch junge Fluggesellschaft.
Im Marketing hingegen setzt sich Lufthansa Italia von der deutschen Mutter deutlich ab und beschreitet neue Wege. „All you can fly“ heißt das Produkt, und der Name ist Programm. Einen ganzen Monat kann der Passagier in der Economy Class für 399 € soviel durch das Streckennetz fliegen, wie er möchte. Ein verlockendes Angebot, sicher nicht nur für Geschäftsreisende. Mit „Guerilla-Aktionen“ machen die kleinen Italiener auch auf sich aufmerksam. Sie verteilen Flugblätter in der milanesischen Innenstadt, hängen Banner auf oder unterbreiten den Fans von Inter und AC spezielle Fußballangebote. Das Internet bildet erwartungsgemäß den wichtigsten Distributionskanal. Birlenbach argumentiert, sie habe hier die Freiheit und Möglichkeit neue Wege auszuprobieren. Ein Umsteuern mit dem großen Kahn „Lufthansa Passage“ sei viel behäbiger und kostet Zeit. Die hat man bekanntlich im Airline-Business auch nur bedingt. Noch ist Lufthansa Italia eine Division der Passage Airline der Mutter. Ein eigenes Luftverkehrsbetriebszeugnis (AOC – Air Operator Certificat) wird gerade beantragt, um zukünftig komplett auf eigenen Füßen zu stehen.
Ein eigener Betrieb kann aber nur unter gesunden ökonomischen Bedingungen bestehen. Mittelfristig ist es der richtige Weg, Punkt-zu-Punkt-Verkehre in die anderen wichtigen europäischen Metropolen mit hoher Frequenz anzubieten. Langfristig würde es allerdings Synergien heben, Mailand an die konzerneigenen Drehkreuze, allen voran München und Zürich anzubinden. Beide liegen weniger als eine Flugstunde jenseits der Alpen, dies eröffnet dem Kunden ein weltweites Streckennetz innerhalb der Star Alliance. Die LH-Konzerntochter Air Dolomiti, die dieser Aufgabe derzeit nachkommt, könnte auf längere Sicht der jüngeren Schwester Stecken abgeben, soweit sich dies durch günstigere Produktionskosten empfiehlt. Es stellen sich demnach die Fragen, wie lange Lufthansa bereit ist, in das Projekt zu investieren, ob es ihnen gelingt, die kaufkräftigen Norditaliener von dem Produkt zu überzeugen und ob die Strukturen der LHI auch in Zukunft die Bezeichnung„low cost“ verdienen? Überzeugungsarbeit ist folglich an so mancher Stelle von Birlenbach und ihren Mitarbeitern zu leisten. Ob es eine Blaupause für ein weiteres Auslandsengagement bietet, zeigt nur die Zeit. Bleibt zu hoffen, dass der gelb-blaue Geldhahn nicht abgedreht wird, bevor sich das Projekt „Lufthansa Italia“ beweisen kann.